Karl Schulze
USV TU Dresden e.V.
Der Beitrag ist ein Auszug aus der Vereinszeitung “Kuno” des USV TU Dresden Abt. Rudern.
Der Autor des Beitrages ist Björn Gehlsen
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Universitätssportverein TU Dresden e.V.
Abteilung Rudern
Karl Schulzes langer Weg zu den Weltmeisterschaften in Neuseeland
Zwar hatte Karl, Jahrgang 1988, seine sportliche Karriere zunächst als Turner und dann hauptsächlich als Fußballer
begonnen, wechselte aber im Alter von 10 Jahren gerade rechtzeitig zum Rudern. Als Ursache lässt sich schnell und
eindeutig seine genetische Vorbelastung identifizieren, denn wenigstens Großeltern und Eltern sind seit Jahrzehnten
im USV zu Hause. Wahrscheinlich ist sogar die Behauptung, dass Karl dem USV seine Existenz verdankt, ziemlich
wasserdicht. Aber das soll hier nicht erörtert werden.
Spätestens seit diesem Jahr verdankt jedenfalls der USV seinem Ausnahmesportler eine besondere Popularität, denn
nicht jeder Verein kann mit einem seiner Sportler den Männer-Einer auf einer Weltmeisterschaft besetzen. Karl ist in
diesem Jahr der Sprung in die A-Nationalmannschaft gelungen. Ein Rückblick auf den 12 Jahre langen Weg in die
Weltspitze soll diesen Erfolg und die Etappen dieses Jahres zusammenfassen.
Karl rudert seit 1998, zunächst im Dresdner RV. Das ist auch insofern konsequent, als nicht jeder zum mündigen
Athleten heranreifende Knabe das genau dort machen möchte, wo seine Ahnen rudern. Somit verdankt Karl nicht nur
dem USV seine Existenz, sondern auch dem Dresdner RV und seinen Trainern Gunter Lätsch und Thomas Gräff
seine ruderische Grundausbildung. Mit 15 Jahren und dem Eintritt in das Juniorenalter wird Karl auch am
Landesstützpunkt von Landestrainerin Regine Rieß gefördert und kann sich 2004 in seinem zweiten Junior-Jahr mit
dem Sieg im Junior-B-Einer auf den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften die Krone des deutschen Rudersports
seiner Altersklasse aufsetzen.
Das ist im folgenden Jahr nicht mehr genug, denn in der Junior-A-Klasse geht es auch um internationale Berufungen.
Bemerkenswert ist, dass Karl seitdem bis heute in jedem Jahr wenigstens eine Nominierung erreicht hat. 2005 wird er
auf den Jugendmeisterschaften Vizemeister im Doppelvierer, wird in dieser Bootsklasse für die
Juniorenweltmeisterschaft in Brandenburg nominiert und errudert dort mit Clemens Wenzel, Martin Gulyas und Tim
Grohmann eine Silbermedaillie. Im zweiten Junior-A-Jahr gelingt wieder die Qualifikation, diesmal auf den nationalen
Titelkämpfen mit Silbermedaillien im Doppelzweier und im Doppelvierer. Auf den Junioren-Weltmeisterschaften in
Amsterdam steht Karl mit der gleichen Mannschaft wie 2005 dann mit dem Doppelvierer zum erstem Mal ganz oben:
Gold und Junioren-Weltmeister 2006!
Der Schritt vom Junior (U19) in die Senior-B-Klasse bedeutet auch den Wechsel vom Landes- ins
Bundesleistungszentrum, denn gleich im ersten Jahr ist Karl auch bei den U23-Meisterschaften (Eichkranzrennen)
vorn dabei und gewinnt mit Tim Grohmann den Doppelzweier unter der Betreuung von Brigitte Bielig. Auf der U23-WM
in Strathclyde (Schottland) holen beide gleich 2007 im ersten Seniorenjahr eine Silbermedaillie.
Seit 2008 startet Karl für den USV. Da die Dresdner Leistungssportler hauptsächlich am Stützpunkt in Cotta trainieren,
ist eine Präsenz im Heimatbootshaus nicht immer einfach. Trotzdem ist Karl nun regelmäßig im TU-Bootshaus und
auch seine spontane Teilnahme im Bundesligarennen des Fledermausachters zeigt, dass ihm auch das Rudern an
sich Spaß macht, wenn es nicht um Titel geht. Fledermäuse und ältere Vereinskollegen registrieren erfreut, dass Karl
auf dem besten Weg ist,
ein erfolgreicher Masters-Ruderer zu werden, lassen ihm aber gerne die Zeit, bis dahin andere Ziele zu verfolgen. An
seine Leistungen aus den Vorjahren kann Karl nahtlos anknüpfen und es gelingt auch 2008 wieder die nationale
Qualifikation durch einen Sieg im U23-Doppelzweier. Die U23-WM findet in Brandenburg statt und Karl erringt auf der
bekannten Strecke und wieder mit Tim Grohmann eine Bronzemedaillie. Als besonderes Schmankerl darf dieser
Doppelzweier zur Europameisterschaft nach Athen und errudert sich dort einen 8. Platz in der offenen Klasse.
Auch 2009 siegt Karl auf den nationalen U23-Meisterschaften, diesmal in einem anderen Doppelvierer, denn sein
Partner Tim Grohmann schafft den Sprung ins A-Team und errudert WM-Bronze. Karl ist für den B-Doppelvierer
qualifiziert und sichert sich damit den internationalen Einsatz. Auf der U23-WM im tschechischen Racice reicht es aber
nur zu Platz 5. Erstmals seit 5 Jahren holt Karl keine internationale Medaille: eine für den erfolgsgewohnten
Modellathleten zunächst sehr schwere Schlappe; mit etwas Abstand aber vielleicht auch eine erträgliche Niederlage,
aus der er gelernt und Erfahrung gewonnen hat und die ihm möglicherweise in diesem Jahr schon zugute kam.
Nach seinem Abitur am Sportgymnasium Dresden und zwei Jahren in der Sportfördergruppe der Bundeswehr
entscheidet sich Karl für eine Ausbildung bei der Bundespolizei. Damit kann Karl in eine gesicherte Zukunft blicken
und sich frei und ruhig auf die Fortführung seiner Karriere konzentrieren. Daher beginnt das Training für 2010 mit aller
Konsequenz im Herbst 2009. Neuseeland ist ein sehr schönes, zunächst aber auch relativ utopisches Ziel. Sicher hat
Karl auch mit Blick auf dieses Ziel trainiert, aber irgendwie war auch klar, dass es keine Enttäuschung bedeutet, wenn
man es nicht erreicht.
Als nach der verkorksten Kleinbootmeisterschaft die Chancen sinken, im A-Bereich dabei zu sein, wird Karl für sich
und mit seinem Trainer Egbert Scheibe verschiedene Varianten für den B-Bereich durchdacht haben, ohne das Ziel
Neuseeland völlig aus den Augen zu verlieren. Entscheidend war wohl das Weltcup-Wochenende in München, denn
hier schnupperte er ganz besondere Luft: Karl durfte im A-Bereich starten, saß aber nicht im Doppelvierer, sondern
fuhr neben Marcel Hacker, der Silber holte, im Einer. Und auf dem Weltcup rudert man im Einer gegen Athleten mit
großen Namen, gegen die sonst nicht jeder rudern darf. Am Start sind schließlich die aktuellen Medailliengewinner von
Weltmeisterschaften und olympischen Spielen.
Im Halbfinale war kein geringerer als Olympiasieger Olaf Tufte der Gegner von „unserm Karl“. Weil ihm kurz vor dem
Weltcup zudem auch noch vom Ruderverband eröffnet wurde, dass er in Neuseeland sicher nicht im Doppelvierer
dabei sein würde, waren es vielleicht die Erfahrungen von München, die Karl dann bewogen haben, im Einer „sein
Ding“ zu machen. Das wäre nicht unbedingt Neuseeland, aber im Senior-B-Bereich (U23) bot sich mit dem Einer eine
besondere Herausforderung, da ja U23-Medaillien im Mannschaftsboot schon in Karls Sammlung vorhanden waren.
Konsequent siegt Karl auf den U23-Meisterschaften in Essen im Einer und gleich auch noch im Doppelvierer und fährt
dann im Einer auf die U23-WM ins weißrussische Brest. Silber und Bronze kennt Karl schon; hier hat Karl genau ein
Ziel. Und er dominiert Vorlauf, Halbfinale und Endlauf und kommt Ende Juli mit der wertvollsten Medaille nach
Dresden zurück, die ein U23-Skuller holen kann. In einer normalen Saison hätte Karl sich jetzt auf seinen Urlaub
konzentriert. Mit dem Fledermausachter vergnügte er sich ein Rennwochenende in Hannover. Schon vorher stand
aber fest, dass Karl wegen seines überzeugenden Auftretens den Startplatz in Neuseeland bekommt, der durch den
Verzicht von Marcel Hacker freigewordenen war.
Damit kam mit der Europameisterschaft in Portugal eine weitere Zwischenstation in Karls langer Saison 2010 dazu.
Als Vorbereitungswettkampf der A-Mannschaft diente die EM der Positionsbestimmung und der spezifischen
Leistungsüberprüfung auf internationalem Niveau. Im Vorlauf fuhr Karl gegen Olympiasieger Tufte aus Norwegen, der
später aus gesundheitlichen Gründen abmelden musste. Karl qualifizierte sich über einen dritten Platz im Halbfinale
und fuhr ein beherztes Rennen auf der Außenbahn. Obwohl er kurzzeitig aus den Medaillenrängen herausfiel, kämpfte
er sich wieder heran und holte Bronze für einen Platz 3 in diesem A-Finale.
Auch das wäre schon wieder ein toller Saisonabschluss gewesen, aber die Saison 2010 war eben eine ganz
besondere: Karl reiste mit der Nationalmannschaft nach Nordamerika, wo in Sacramento, Kalifornien das WM-
Vorbereitungstrainingslager absolviert werden sollte. Nach 3 Wochen ging es über den Pazifik nach Neuseeland. Wie
nicht anders zu erwarten, trifft Karl hier auf die komplette Weltspitze: Am Start sind der aktuelle Europameister und
Weltcup-Sieger (Ondrej Synek aus Tschechien), der amtierende Weltmeister (Mahe Drysdale aus Neuseeland) und
der Olympiasieger (Olaf Tufte aus Norwegen) und müssen gegen Karl antreten.
Im Vorlauf liegt Karl fast ständig auf Rang 3, was nicht für die direkte Qualifikation ins Halbfinale reicht, aber im
Hoffnungslauf gelingt ihm ein tolles Rennen. Karl fährt einen Start-Ziel-Sieg heraus, hat eine gute Länge Vorsprung
und qualifiziert sich für das Halbfinale, in dem er auf Weltmeister Drysdale (NZL) und Europameister Synek (TCH)
trifft. Neben diesen beiden qualifiziert sich der Chinese Liang Zhang für das Finale, nach knapp 1000 m kommt Karl
nicht mehr mit und muss ins B-Finale. Viel wurde um die Show diskutiert, die Drysdale mit seinen zunächst nicht
vorhandenen und dann nicht funktionstüchtigen Aufklebern veranstaltet. Nach knapp 100 m markierte er einen
Bootsschaden und strapazierte die Nerven der anderen, besser präparierten Halbfinalteilnehmer, die ein zweites Mal
an den Start mussten. Rennentscheidend dürften solche Aktivitäten sicher nicht sein.
Im Kleinen Finale um die Plätze 7 bis 12 sichert sich Karl schließlich Platz 4 und landet damit unter den Top-10-
Skullernn der Welt. Nach Abschluss der Saison freuen sich besonders in seinem Verein alle über Karls Erfolge in
diesem Jahr. Er hat ganz hervorragende Ergebnisse erzielt. Ein besseres Ergebnis, vielleicht eine Finalteilnahme auf
dem Lake Karapiro konnte man ebenso wenig verlangen, wie die WM-Teilnahme am Jahresbeginn realistisch
erschien. Dies geht schon deshalb in Ordnung, weil die Weltmeisterschaften nicht zuletzt wegen der besonderen Lage
in diesem Jahr sehr attraktiv waren und mit der Motivation für einen Start am anderen Ende der Welt auch die
Konkurrenz besonders groß war.
Am Ende steht nicht nur dieser 10. Platz als Ergebnis, sondern mit dem U23-WM-Titel und EM-Bronze ganz
herausragende Erfolge, die andere nicht in ihren Lebenslauf eintragen können. Daneben sollte man erwähnen, dass
sich andere WM-Ruderer gezielt und nur auf das Rennen in Neuseeland vorbereiteten, während Karl in der langen
Saison immer wieder „um Alles“ rudern musste. Bleiben werden ihm viele Erfahrungen und Eindrücke, die ihm
hoffentlich zugute kommen, wenn er bald sein nächstes Ziel ansteuern wird: die Olympischen Spiele 2012 in London.
Und mit der WM 2011 in Bled (Slowenien) gibt es wieder eine sehr attraktive Zwischenstation. Zunächst aber gilt jetzt
im Urlaub Karls Motto „In der Pause wächst der Muskel“ und dann freut sich sein ganzer Fan-Club auf die Fortsetzung
der Geschichte.